Fallgruppen

Zur Untersuchung politischer Prozesse in der Bioökonomie werden zwei unterschiedliche Nutzungspfade, die für eine biobasierte Transformation der Wirtschaft und Gesellschaft von zentraler Bedeutung sind, in drei Fallgruppen ausgewählt:

  • die stoffliche Nutzung der Biomasse, im Projekt am Beispiel der Biokunststoffe (Fallgruppe 1)
  • die energetische Nutzung der Biomasse, im Projekt unterteilt in Biokraftstoffe (Fallgruppe 2) und Bioenergie (Strom- und Wärmeerzeugung aus fester, flüssiger und gasförmiger Biomasse; Fallgruppe 3)

Diese Auswahl erfolgt auch deshalb, weil zwischen den einzelnen Fällen häufig Verknüpfungen festgestellt werden können, die Aspekte beider Nutzungsstrategien im Sinne einer Koppel- und/oder Kaskadennutzung aufweisen. Die Betrachtung weiterer Aspekte der Wertschöpfungskette (bspw. nachhaltige Produktion der Biomasse, abfallwirtschaftliche Relevanz) wird fallspezifisch einbezogen.

Im Folgenden werden die einzelnen Fallgruppen, wie sie für die Arbeit in diesem Projekt definiert werden, ausführlicher vorgestellt.

Biokunststoffe

Die Herstellung von Kunststoffen auf Basis von nachwachsenden Rohstoffen ist keine technologische Neuheit. Bereits im 19. Jahrhundert wurden Kunststoffe auf Basis von Cellulose hergestellt, sie gingen damit der Produktion von Kunststoffen auf Mineralölbasis voraus, welche heute häufig als „konventionelle Kunststoffe“ bezeichnet werden. In der Folge setzten sich allerdings diese konventionellen Kunststoffe am Markt durch. Noch im Jahre 2012 machten Biokunststoffe nur einen Anteil von 0,4 % an der jährlichen weltweiten Kunststoffproduktion aus.

Seit Mitte der 2000er Jahre rücken Biokunststoffe wieder verstärkt in den Fokus von Politik und Forschung, ausgelöst durch das ihnen zugeschriebene Potenzial, einen wichtigen Beitrag zur Vermeidung von negativen Umwelteffekten konventioneller Kunststoffe sowie zur Verringerung des weltweiten Ölverbrauchs zu leisten.

Der häufig verwendete Begriff „Biokunststoffe“ täuscht dabei über die Heterogenität der Stoffgruppen hinweg, die unter diesem Begriff subsumiert werden. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Unterscheidung zwischen „biobasierten Kunststoffen“ und „bioabbaubaren Kunststoffen“, wobei diese Attribute nicht aneinander gekoppelt sind:

Biobasierte Kunststoffe bestehen zu einem gewissen Massenanteil aus biogenen Rohstoffen, wie beispielsweise Celluloseacetat (CA), Polymilchsäure (PLA) oder Polyhydroxybuttersäure (PHB), müssen aber nicht zwingend biologisch abbaubar sein. Biologisch abbaubare Kunststoffe können unter natürlichen oder technischen Prozessbedingungen zersetzt werden. Die Herkunft der Rohstoffe (bio- oder mineralölbasiert) ist für diese Gruppe unerheblich. Damit existieren sowohl biobasierte Kunststoffe, die nicht biologisch abgebaut werden können, als auch konventionelle Kunststoffarten, die bioabbaubar sind.

Trotz der zunehmenden gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Biokunststoffen wurden energetische Formen der Biomassenutzung, also Biokraftstoffe und Bioenergie, wesentlich stärker gefördert als die stoffliche Nutzung, bspw. durch die Einführung von Steuerbefreiungen und Quotenregelungen. Dennoch hat sich die Produktion von Biokunststoffen zu einem veritablen Wachstumsmarkt entwickelt: Seit 2007 ist die jährliche Produktion im Schnitt um fast 20 % gestiegen, ein ähnliches Wachstum wird für den Zeitraum bis 2020 prognostiziert. Und auch auf nationaler und europäischer Ebene wurden kürzlich neue Maßnahmen zur Unterstützung der Verbreitung von Biokunststoffen angeschoben. So verabschiedete bspw. Frankreich ein neues Energiewendegesetz zur Umsetzung der EU-Richtlinie 2015/720, wodurch bestimmte Obst- und Gemüsebeutel ab 2017 verpflichtend biobasiert und -abbaubar sein müssen. Ebenfalls 2017 veröffentlichte die Europäische Kommission die Roadmap „Strategy on Plastics in a Circular Economy“, welche sich zum Ziel setzt, die Produktion von Kunststoffen von fossilen Rohstoffen zu entkoppeln.

Mit Blick auf diese spannenden Entwicklungen bietet sich die Fallgruppe „Biokunststoffe“ zur Untersuchung politischer Prozesse in der Bioökonomie an. Im Vordergrund stehen dabei Fragestellungen zur Förderung (bzw. Nicht-Förderung) von Biokunststoffen, zu Auslösern bzw. Ursachen für Einstellungsveränderungen gegenüber dem potentiellen Nutzen einer stärkeren Verbreitung von Biokunststoffen sowie Fragen zur Regulierung und Zertifizierung von Biokunststoffen.

Biokraftstoffe

Die Nutzung von Biokraftstoffen und deren politische Förderung haben in Deutschland bereits eine lange Geschichte, die vor allem in den letzten Jahrzehnten einen wechselvollen und bisweilen turbulenten Verlauf genommen hat. Nachdem sie noch zu Beginn der 2000er Jahre fast durchweg als Wunderwaffe zur Lösung gleich mehrerer miteinander verknüpfter sozialer und ökologischer Probleme gesehen wurde, wandelte sich die öffentliche Wahrnehmung von Biokraftstoffen ab Mitte des Jahrzehnts geradezu schlagartig: so wurde ihre Umwelt- und insbesondere ihre Klimabilanz infrage gestellt; sie wurden zu großen Teilen für die weltweit steigende Nahrungsmittelpreise (‚Tank vs. Teller‘) und für das Phänomen des ‚Land Grabbing‘ verantwortlich gemacht; und schließlich wurde auch ihre Verträglichkeit mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren stark in Zweifel gezogen (‚E10‘). Aus der multiplen Problemlösung Biokraftstoffe wurde so in kürzester Zeit der multiple Problemauslöser Biokraftstoffe.

Diese öffentliche ‚Karriere‘ der Biokraftstoffe spiegelt sich auch in ihrer politischen Förderung wider. Nachdem sie in Deutschland zunächst über eine umfassende Steuerbefreiung gefördert wurden, wurde diese ab 2006 zugunsten eines Quotenmodells ersetzt. Diese führte zu einer bis heute anhaltenden Stagnation der bis dahin rasant ansteigenden Biokraftstoffnutzung, jedoch nicht zu deren Rückgang. Dieser Politikwandel korrespondiert mit der EU-Politik zu Biokraftstoffen. So wurde auf EU-Ebene noch 2009 das ambitionierte und für alle Mitgliedstaaten verbindliche Ziel eines Biokraftstoffanteils von 10% für das Jahr 2020 festgelegt, welches an bestimmte Nachhaltigkeitskriterien geknüpft wurde.

Die oben genannten Konflikte rund um die Biokraftstoffe konnten jedoch auch durch diese politischen Maßnahmen keineswegs aufgelöst werden. Dennoch flauten die Debatten um das Für und Wider von Biokraftstoffen in den letzten Jahren etwas ab. Dabei gerät schnell aus dem Blick, dass Biokraftstoffe nach wie vor Bestandteil der Dekarbonisierungsstrategien im Verkehrssektor sind – und dies angesichts des schleppenden Ausbaus der Elektromobilität absehbar wohl auch bleiben werden. Doch angesichts der noch immer virulenten Konflikte um Biokraftstoffe ist es derzeit unklar, ob und wie die politische Förderung von Biokraftstoffen auch nach 2020 aufrechterhalten wird. Zudem stellt sich im Rahmen dieser Fallgruppe die Frage, ob und wie das relativ neue Leitbild der Bioökonomie die schon länger bestehende Biokraftstoff-Policy beeinflusst und ggf. verändert.

Bioenergie

Bioenergie umfasst alle Arten von Energie, die aus rezenter (nicht fossiler) Biomasse gewonnen werden. Sie zählt neben Solarenergie, Windenergie, Wasserkraft, Meeresströmungsenergie und Erdwärme zu den regenerativen Energien. Biomasse entsteht durch Stoffwechselprozesse lebender Organismen. Primäre Bausteine hierfür sind organische, d.h. kohlenstoffhaltige Moleküle, die von Primärproduzenten (Pflanzen) durch Photosynthese unter Einbindung von Energie aus solarer Strahlung synthetisiert werden. Die Biomasse kann in gasförmiger, flüssiger oder fester Form vorliegen und Energie in Form von Strom, Wärme und Kraft liefern. Vorteile von Biomasse als regenerativem Energieträger sind die Speicherbarkeit sowie die ständige Verfügbarkeit der Energie.

In Entwicklungsländern wird Biomasse in erster Linie in Form von Holz, Kohle oder Dung zum Kochen oder Heizen genutzt (traditionelle Nutzung), dies oft auf äußerst ineffektive und gesundheitsgefährdende Weise. In Deutschland und anderen Industrieländern gibt es hingegen vor allem Entwicklungspotenziale im Bereich mittlerer und großer Bioenergie-Anlagen (moderne Nutzung). Der Ausbau der Energieerzeugung aus nachwachsenden Rohstoffen soll hierzulande zur Überwindung der Abhängigkeit von fossilen Ressourcen und zu einer Transformation des Wirtschaftssystems in Richtung einer biobasierten Ökonomie beitragen. Da bei der energetischen Nutzung von Biomasse nur CO2 frei wird, das zuvor aus der Atmosphäre gebunden wurde, kann sich die Nutzung von Bioenergie zudem positiv auf die Klimabilanz auswirken.

Jedoch konkurriert die energetische Biomassenutzung mit den anderen Bereichen der Bioökonomie (Erzeugung von Nahrungs- und Futtermitteln, stoffliche Nutzung) um Biomasse als Rohstoff. Die Prioritäten der Biomassenutzung in der Bioökonomie sind laut Bioökonomierat food, feed, fibre, fuel. Aufgrund der immer weiter fortschreitenden Flächenverknappung bestehen zudem Zielkonflikte mit ökologischen (Umweltschutz, Biodiversität) und sozialen Nutzungsansprüchen (Siedlungsflächen, Erholung).

Bei der Ausgestaltung einer Bioenergie-Politik müssen insbesondere Wechselwirkungen mit dem Ziel der Ernährungssicherung, z.B. über die Kopplung von Nahrungsmittel- und Energiepreisen, beachtet werden. Positive Auswirkungen dürfen nicht durch negative direkte und indirekte Effekte wie Regenwaldrodungen, Bodendegradation, Landgrabbing oder Vertreibungen aufgehoben werden. Aktuell werden die gekoppelte und kaskadische Biomassenutzung, die Nutzung von Sekundärrohstoffen (Rest- und Abfallstoffe) sowie der Anbau von Primärrohstoffen auf Marginalflächen oder degradierten Böden, die nicht mit anderen Flächennutzungsformen in Konkurrenz stehen, als mögliche Lösungsoptionen angestrebt.

Im Projekt Bio-Ökopoli nimmt die Fallgruppe Bioenergie politische Prozesse zur Erzeugung und Nutzung von Strom und Wärme (bzw. Kälte) aus Biomasse in den Blick.


Die aktuelle Fallauswahl zum Projekt finden Sie hier.



Ein Verbundprojekt der Universitäten:

FernUniversität Hagen ​​Universität Magdeburg

gefördert durch:

Bundesministerium für Bildung und ForschungProjektträger Jülich


Bio-Ökopoli | 03.04.2018
Projekt „Politische Prozesse der Bioökonomie zwischen Ökonomie und Ökologie“ (Bio-Ökopoli)